© Christoph Varga
Geschichte
Konzert zum Jahrestag der Befreiung des deutschen NS-Konzentrationslagers Gusen
07.05.2017 Aktivpark4222, St. Georgen an der Gusen

Im März 1933 veranlasst Heinrich Himmler die Errichtung des ersten Konzentrationslagers Dachau. Noch im selben Jahr werden durch die SA und die SS weitere KZs eingerichtet. Zwischen 1936 und 1939 entstanden das KZ Sachsenhausen, KZ Buchenwald, KZ Mauthausen, KZ Flossenbürg sowie das Frauen-KZ Ravensbrück. Seit dem Anfang des Zweiten Weltkrieges haben wir es mit einem dynamischen Aufbau der KZs zu tun. Das Ziel: die Eliminierung von politischen Gegnern, Internierung von Kriegsgefangenen, Ausrottung von Eliten der besetzten Völker durch schwere Arbeit, u.a. der polnischen Intelligenz im Rahmen der sogenannten „Intelligenzaktion“. Die Vernichtungslager, die in den darauf kommenden Jahren von den Deutschen auf den besetzten polnischen Gebieten errichtet wurden, dienten der Ausrottung von Millionen von Menschen, in erster Linie Juden.

Das KZ Gusen war das erste und zugleich das größte Nebenlager des KZs Mauthausen und bestand aus drei Häftlingslagern: Gusen I, II und III. Die offizielle Entscheidung darüber, das riesige Lager Gusen I einzurichten, fiel Ende 1939. Das KZ Gusen I wurde mit Mauthausener Häftlingen belegt. Am 9. März 1940 kam der erste Transport von 480 Polen aus dem KZ Buchenwald sowie von 30 Österreichern und Deutschen aus dem KZ Mauthausen. Das Nebenlager Gusen wurde sehr schnell größer als das Hauptlager Mauthausen, weswegen der ganze Lagerkomplex als Mauthausen-Gusen bezeichnet wurde. Im Jahre 1944 wurden Gusen II und Gusen III fertiggestellt. Seit 1944 stieg die Anzahl der Häftlinge in Gusen rasant, zudem gab es in dem Nebenlager Gusen bedeutend mehr Opfer als in Mauthausen.

Mehr als die Hälfte der circa 75.000 nach Gusen deportierten Menschen kam ums Leben. Menschen in ganz Europa haben in Gusen Angehörige verloren. Mehr als die Hälfte der Opfer waren Häftlinge aus Polen, darunter viele Vertreter der polnischen Eliten und polnische Intellektuelle sowie Zivilbevölkerung, die nach der Niederlage des Warschauer Aufstands aus der Stadt ausgesiedelt wurde. Am 5. Mai 1945 befreiten US-amerikanische Truppen in Gusen mehr als 20.000 Häftlinge. Der Großteil von ihnen war stark unterernährt und in katastrophalem gesundheitlichem Zustand. Um das Andenken der Opfer von Gusen in Ehren zu halten, veranstalteten das Polnische Institut Wien und das Witold-Pilecki-Zentrum für Totalitarismusforschung in Warschau ein Festkonzert zum Jahrestag der Befreiung des KZs Gusen.

Auf dem Programm standen Werke polnischer Komponisten, die sich auf besondere Art und Weise mit der Tragödie des Totalitarismus sowie mit dem Holocaust auseinandergesetzt hatten – u. a. des in Österreich nicht allzu oft aufgeführten Szymon Laks, eines polnisch-französischen Komponisten sowie Mitglieds und später auch Leiters des Lagerorchesters im KZ Auschwitz, der von 1944 bis Kriegsende Häftling im KZ Dachau war. Darüber hinaus wurden Musikstücke von Wojciech Kilar (1932–2013), Henryk Mikołaj Górecki (1933–2010), Krzysztof Penderecki (*1933) sowie authentische Lagerlieder aufgeführt, die im KZ Gusen entstanden waren, u.a. Kompositionen von Lubomir Szopiński (einem ehemaligen Häftling des KZs Gusen) gemeinsam mit Texten von Włodzimierz Wnuk. Während des Konzerts wurden zudem ausgewählte Werke von Karol Szymanowski (1882–1937) interpretiert.

Das erlesene Repertoire wurde von einer europaweit bekannten Kammergesangsgruppe, dem Gesangsensemble der Stadt Kattowitz Camerata Silesia unter der Leitung von Anna Szostak, in Begleitung des Quartetts des Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks mit Sitz in Kattowitz präsentiert.

Das Konzert bildete den Auftakt zur internationalen wissenschaftlichen Konferenz mit dem Titel „Das Töten der Intelligenz: europäische intellektuelle Eliten unter deutscher Besatzung, 1939-1945“, die am 8. und 9. Mai 2017 im Polnischen Institut Wien veranstaltet wurde. Der Eröffnung der Konferenz wohnten Herr Minister Jan Dziedziczak, Staatssekretär am Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Polen sowie Frau Ministerin Magdalena Gawin, Unterstaatssekretärin am Ministerium für Kultur und Nationalerbe der Republik Polen bei.

An der Konferenz nahmen Wissenschaftler aus unterschiedlichen Ländern teil, die verschiedene geisteswissenschaftliche Fachgebiete und intellektuelle Traditionen vertraten. Teilnehmer der Konferenz setzten sich u.a. mit der Frage des Massenmordes an der polnischen und europäischen Intelligenz auseinander. Der Kampf der Nazis gegen politische Eliten und Intellektuelle der einzelnen europäischen Völker ist als Thema noch relativ unerforscht, was für die besondere Bedeutung der Konferenz entscheidend war.