GESCHICHTE | MUSIK
Konzert zum Jahrestag der Befreiung des deutschen NS-Konzentrationslagers Gusen
07.05.2017, 16:30 Aktivpark4222, St. Georgen an der Gusen

Im März 1933 veranlasst Heinrich Himmler die Errichtung des ersten Konzentrationslagers Dachau. Noch im selben Jahr werden durch die SA und die SS weitere KZs eingerichtet. Zwischen 1936 und 1939 entstanden das KZ Sachsenhausen, KZ Buchenwald, KZ Mauthausen, KZ Flossenbürg sowie das Frauen-KZ Ravensbrück. Seit dem Anfang des Zweiten Weltkrieges haben wir es mit einem dynamischen Aufbau der KZs zu tun. Das Ziel: die Eliminierung von politischen Gegnern, Internierung von Kriegsgefangenen, Ausrottung von Eliten der besetzten Völker durch schwere Arbeit, u.a. der polnischen Intelligenz im Rahmen der sogenannten „Intelligenzaktion“. Die Vernichtungslager, die in den darauf kommenden Jahren von den Deutschen auf den besetzten polnischen Gebieten errichtet wurden, dienten der Ausrottung von Millionen von Menschen, in erster Linie Juden.

Das KZ Gusen war das erste und zugleich das größte Nebenlager des KZs Mauthausen und bestand aus drei Häftlingslagern: Gusen I, II und III. Die offizielle Entscheidung darüber, das riesige Lager Gusen I einzurichten, fiel Ende 1939. Das KZ Gusen I wurde mit Mauthausener Häftlingen belegt. Am 9. März 1940 kam der erste Transport von 480 Polen aus dem KZ Buchenwald sowie von 30 Österreichern und Deutschen aus dem KZ Mauthausen. Das Nebenlager Gusen wurde sehr schnell größer als das Hauptlager Mauthausen, weswegen der ganze Lagerkomplex als Mauthausen-Gusen bezeichnet wurde. Im Jahre 1944 wurden Gusen II und Gusen III fertiggestellt. Seit 1944 stieg die Anzahl der Häftlinge in Gusen rasant, zudem gab es in dem Nebenlager Gusen bedeutend mehr Opfer als in Mauthausen.

Mehr als die Hälfte der circa 75.000 nach Gusen deportierten Menschen kam ums Leben. Menschen in ganz Europa haben in Gusen Angehörige verloren. Mehr als die Hälfte der Opfer waren Häftlinge aus Polen, darunter viele Vertreter der polnischen Eliten und polnische Intellektuelle sowie Zivilbevölkerung, die nach der Niederlage des Warschauer Aufstands aus der Stadt ausgesiedelt wurde. Am 5. Mai 1945 befreiten US-amerikanische Truppen in Gusen mehr als 20.000 Häftlinge. Der Großteil von ihnen war stark unterernährt und in katastrophalem gesundheitlichem Zustand. Um das Andenken der Opfer von Gusen in Ehren zu halten, veranstalten das Polnische Institut Wien und das Witold-Pilecki-Zentrum für Totalitarismusforschung in Warschau ein Festkonzert zum Jahrestag der Befreiung des KZs Gusen.

Auf dem Programm stehen Werke polnischer Komponisten, die sich auf besondere Art und Weise mit der Tragödie des Totalitarismus sowie mit dem Holocaust auseinandergesetzt haben – u. a. des in Österreich nicht allzu oft aufgeführten Szymon Laks, eines polnisch-französischen Komponisten sowie Mitglieds und später auch Leiters des Lagerorchesters im KZ Auschwitz, der von 1944 bis Kriegsende Häftling im KZ Dachau war. Darüber hinaus werden Musikstücke von Wojciech Kilar (1932–2013), Henryk Mikołaj Górecki (1933–2010), Krzysztof Penderecki (*1933) sowie authentische Lagerlieder aufgeführt, die im KZ Gusen entstanden sind, u.a. Kompositionen von Lubomir Szopiński (einem ehemaligen Häftling des KZs Gusen) gemeinsam mit Texten von Włodzimierz Wnuk. Während des Konzerts werden zudem ausgewählte Werke von Karol Szymanowski (1882–1937) interpretiert.

Das erlesene Repertoire wird von einer europaweit bekannten Kammergesangsgruppe, dem Gesangsensemble der Stadt Kattowitz Camerata Silesia unter der Leitung von Anna Szostak, in Begleitung des Quartetts des Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks mit Sitz in Kattowitz präsentiert.

Das Konzert bildet den Auftakt zur internationalen wissenschaftlichen Konferenz mit dem Titel „Das Töten der Intelligenz: europäische intellektuelle Eliten unter deutscher Besatzung, 1939-1945“, die am 8. und 9. Mai 2017 im Polnischen Institut Wien stattfindet. Detaillierte Information zur Konferenz sowie eine Programmübersicht finden Sie unten als PDF.

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Zur Konferenz

Im Zuge deutscher Besatzung fanden Millionen von Europäern den Tod, hunderte Millionen litten an ihren Folgen. Dies ist eine allgemein bekannte Tatsache. Rassentheorien, die Überlegenheit des deutschen Volkes über die anderen Völker des Kontinents verkündeten, lieferten die Begründung für die Politik der Unterdrückung und Vernichtung ganzer Gesellschaften, ethnischen und religiösen Gruppen. Das Kernstück der nationalsozialistischen Maschinerie des Terrors und der Zerstörung war ein großangelegtes System von Konzentrationslagern.

Es wurde bereits viel über die Vernichtung der Juden und Roma, über die Ermordung politischer Gegner, Alter und Kranker, darunter auch psychisch Kranker, sowie über Operationen zur Ausrottung „rassisch niedrigerer“ Gemeinschaften gesagt. Die Vision des Überlebens der Stärksten und der rassischen Reinheit verdrängte die traditionelle Sicht des Zusammenlebens der Völker Europas und übertrug auf den Kontinent schlimmste Muster der Kolonialpolitik: die Gewalt und die Herrschaftssucht. Vor diesem Hintergrund bleibt das tragische Schicksal politischer Führer und Angehöriger intellektueller Eliten der einzelnen Völker, wie auch die ihnen zugedachte Rolle im Plan für den Aufbau eines neuen Europas unter deutscher Herrschaft, eine relativ unerforschte Frage. Dies betrifft vor allem die Intelligenz der slawischen Völker in Mittelosteuropa.

Die deutsche Besatzungspolitik unterschied sich unterschied sich von Land zu Land. Marian Prumm, polnischer Staatsbürger und erfahrener Pädagoge, sagte am 24. Juni 1946 vor der Hauptkommission zur Untersuchung der deutschen Verbrechen in Polen aus. Er sprach über die Ziele der deutschen Bildungspolitik im besetzten Land: „Es war offensichtlich, dass die Deutschen viele Arbeiter- und Handwerkskräfte, aber keine Intelligenz in Polen haben wollten. “Es wurden massive Sondermaßnahmen gegen den am besten ausgebildeten Teil der polnischen Gesellschaft getroffen. Es ging darum, die Nation ihrer Führungsschicht durch physische Ausrottung ihrer Eliten zu berauben.

Die Konferenz beginnt mit einem Besuch in Gusen, auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers, an einem Ort, der für die Massenvernichtung der polnischen Intelligenz einen Symbolcharakter hat. Während der Tagung wollen wir das Schicksal der intellektuellen Eliten Europas unter deutscher Besatzung reflektieren. Wir gehen davon aus, dass die bewusst verfolgte Vernichtung politischer und intellektueller Eliten als ein besonderes, völkermordähnliches Verbrechen eine getrennte Auseinandersetzung verdient.

An der Konferenz nehmen Wissenschaftler aus mehreren Ländern teil, die verschiedene geisteswissenschaftliche Fachgebiete und intellektuelle Traditionen vertreten. Wir wollen interdisziplinäre Forschung fördern und die Perspektiven einzelner nationaler Geschichtsschreibungen miteinander konfrontieren. Wir hoffen darauf, dass Vergleichsstudien verstärkt betrieben sowie neue Fragen und Interpretationen formuliert werden.

Adresse: Aktivpark4222, Tennisweg 4, 4222 St. Georgen an der Gusen
Eintritt/Tickets: Eintritt frei. Anmeldung erforderlich: 01/533 89 61